Angedacht

Liebe Nettelnburgerinnen und Nettelnburger, liebe Gemeindeglieder!

Die deutsche Sprache bietet manchmal Überraschungen: So können wir aktiv davon sprechen, einer Person, einer Sache, einem Vorhaben den „Abschied zu geben“. Allerdings reden wir meistens eher davon, Abschied zu nehmen oder gar nehmen zu müssen. So müssen wir uns von einem langen, warmen Sommer verabschieden. Aufenthalte im Freien werden ungemütlicher, was in Corona-Zeiten alles noch etwas anstrengender macht. Es geht ein Jahr zu Ende, in dem wir viel von dem eingebüßt haben, was als normal empfunden wurde: Feste feiern, in die Ferien fahren, Familie und Freunde umarmen zu können… Dafür ist uns die Unbeschwertheit genommen worden. So empfinden es auch viele, die einen vertrauten Menschen hergeben mussten – manche sogar ohne echten Abschied, weil der Zugang zu Altenheimen und Krankenhäusern rigoros versperrt war.

Für den tristen Monat November bietet das Kirchenjahr eine echte Überraschung. Es vermittelt in der Tristesse von Regen und Nebel Hoffnung. Im Jahreslauf gibt das Kirchenjahr dem Abschied Raum und Zeit. Trauer und Trost sind die bestimmenden Themen. Am Ende des Jahres geht es weniger ums Abschied nehmen und erst recht nicht um ein schicksalhaftes Hinnehmen. Eher schon um ein Annehmen. Also darum, einen Abschied geben zu können. Das Kirchenjahr „erlaubt“ noch einmal hinzuschauen: Was war mir geschenkt? Was oder wen muss ich tatsächlich ziehen lassen, loslassen? Aber auch: was will ich mir behalten – vielleicht weniger als Besitz, sondern eher als eine Aufgabe, eine Erbschaft, aus der sich etwas machen lässt?

Wer sich dem Abschied mit der dazugehörenden Trauer im November stellt, hat die Chance vom Abschied nehmen zum Abschied geben zu gelangen. „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand…“ heißt es in einem unserer geistlichen Lieder. Das ist die kluge Weisheit des Kirchenjahres, das mit dem Toten- bzw. Ewigkeitssonntag am 22.11. endet. Das Kirchenjahr wird nicht wie das Rechnungsjahr „abgeschlossen“, sondern wandelt sich zum neuen Jahr: Wer ehrlich Abschied nimmt und gibt, für den wandelt sich der Abschied in einen Aufbruch. Neues darf beginnen mit dem 1.Advent, an dem wir langsam, aber voll Hoffnung auf das Erscheinen Jesu in Armut und Dunkelheit zunächst eines und dann viele Lichter anzünden. So wie es in dem schönen Weihnachtslied heißt: „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht, Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht‘, wie schön sind deine Strahlen.“

Mit herzlichen Grüßen, Ihr /Euer

Hartmut Sölter, Pastor


Menü

Aktuelles

Links