Angedacht „Arbeitszeit“

veröffentlicht am 1. Mai 2016

Liebe Nettelnburgerinnen und Nettelnburger,
liebe Gemeindeglieder!

Am Ende des Jahres sinnen wir oft über die Zeit nach. Dort steht sie unter dem Vorzeichen des Sterbens: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, da- mit wir klug werden…“ Das kann heilsam sein. Viele Kranke mit einer Diagnose für begrenzte Lebenszeit gewinnen diese Klugheit. Sie nehmen sich Zeit für das, was wichtig ist, und lehnen ab, nur für das zu leben, was drängend ist. Für manche kommt diese Einsicht zu spät. Die Zeit ist ihnen davon gelaufen…

Zeit für Wichtiges
Nun haben wir Mai und nicht November. Das Leben blüht auf. Mit dem 1. Mai rückt die Arbeit in den Focus. Ein guter, vielleicht besserer Anlass schon im „wirklichen Leben“ zu fragen: Was bestimmt meine Zeit? Erlebe ich sie erfüllt oder vertan? Wir streben nach freier Zeit. Gibt sie uns, was wir wünschen und brauchen? Oft werden Freizeit und Arbeit gegenei- nander ausgespielt. Die Freizeit sei das höhere Gut. Wer nicht arbeiten kann oder darf, wird das anders sehen.

Zeit für Arbeit
Sicher muss auf der Arbeit Vieles erledigt werden, was nicht nur Spaß macht. Dazu gilt es eine Haltung zu finden. Wem es gelingt, Arbeit nicht nur wider- willig zu tun, wird eher froh darüber sein, etwas geschafft zu haben. Wer ganz bei der Sache ist, wird auch auf der Arbeit Gestaltungsräume entdecken: z.B. Optimierung im Arbeitsablauf, Verbesserung des Arbeitsklimas, Mut zu einem Gespräch über Missstände, Engagement im Betriebsrat oder Mitarbeit in einer Selbsthilfegruppe für Suchtgefährdete. Ist nicht auch auf der Arbeit die Arbeit nur das „halbe Leben“?

Zeit für Andere
Als Kirchengemeinde werben wir im- mer wieder für ehrenamtliche Arbeit. Mit Kindern, für Jugendliche, im Besuchsdienst, beim Gottesdienst, in der Musik – und in diesem Jahr für die Mitarbeit im Kirchengemeinderat (Wahlen sind am 1. Advent.) Ja, hier geht es um Zeit, die jemand hergibt und schenkt. Diese Zeit gehört zu der anderen Hälfte des Lebens. Sie bringt auch Arbeit mit sich und wird nicht bezahlt. Ehrenamtliche erleben jedoch, dass sie selbst be- schenkt sind. Deswegen bewerten sie ihren Einsatz auch nach anderen Wertigkeiten als nach Geld.
Als Christen „rechnen“ wir diese Zeit bei aller Freude und in allem Nervkram als Gottesdienst. Der geschieht für uns nicht nur am Sonntagvormittag, sondern bei der Arbeit und im Engagement für andere. Das ist es, was wir sein wollen: Kirche für andere.

Zeit für Mich
Bei solchem Dienstverständnis gehört es dazu, auf die Ermahnung zu hören, die Bernhard von Clairvaux am Ende seines Briefes schreibt:
„Denke also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht „Tu das immer“ Ich sage nicht: „Tu das oft.“ Aber ich sage: „Tu das immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei nach allen anderen.“
Ich wünsche Gottes Segen für Werktage und Sonntage, Ihr /Euer Hartmut Sölter