Angedacht „Klagen hat Richtung“

Liebe Nettelnburgerinnen und Nettelnburger, liebe Gemeindeglieder!
Klagen wird oft mit Jammern verwechselt. Es heißt, die Deutschen seien Weltmeister im Klagen. Gemeint ist wohl eher das Jammern. Wer jammert, ist eher dabei sich in seiner Not „einzurichten“. Es sind vor allem die anderen oder die Umstände, die die Not ausmachen. Anders ist es beim Klagegebet. Zum einen hat die Klage eine Adresse. Wer klagend betet, wendet sich an Gott. Auch wenn er ihn gerade nicht versteht. Wer klagt, äußert sich. Er bleibt nicht nur bei sich selbst. Es ist wie bei zwei Streithähnen: solange sie sich streiten, wollen sie noch etwas voneinander. Schlimmer ist es, wenn jemand gleichgültig geworden ist.
Klage kann Anklage sein: ‚Warum geschieht gerade mir das?‘ Gott hält solche Vorwürfe aus. Das Klagegebet kann aber auch eine echte Frage sein: ‚Wie lange muss mein Freund leiden?‘ Wer Gott mit seiner Klage kommt, hat sich in eine Not vertieft, vielleicht festgebissen, eine Not, die nicht bei sich bleiben kann, eine Not, die himmelschreiend ist. Sie kann auch Verhältnisse betreff en: ‚Warum sind Wasser und Brot so ungerecht verteilt? Wann ändert sich etwas?‘
Wer klagt, gibt seinem Herzen Luft zum Atmen. So geschieht es in den Klagepsalmen der Bibel. Wer einmal Psalm 6 oder Psalm 13 betet, stellt erstaunt fest: Am Ende wird ein Vertrauensbekenntnis gesprochen oder es hat sich die Klage sogar in einen Dank gewandelt. Vielleicht muss man sich dazwischen eine Pause, eine Stille denken. Durch das ehrliche Beten hat der Beter einen neuen Blick gefunden. So wird er anders auf die Not schauen können.
Mitte Februar beginnt die Passionszeit. Sie bietet Raum zum Beten – und zum Klagen. Das Leiden Jesu am Verrat der Freunde und an der Boshaftig keit der Feinde mündet bei Jesus in
sein tragisches Klagegebet am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In den Passionsandachten mittwochs und auch in den Gottesdiensten bedenken wir das Leiden Jesu. Im Altarraum unserer Kirche richten wir eine Klagemauer ein. Da die Kirche tagsüber geöff net ist, kann jede und jeder dort Klagezettel schreiben und in die Mauerrisse stecken. Wie gehabt bin ich in der Regel als Pastor donnerstags von 17-18 Uhr in der Kirche anzutreffen. Ich habe ein off enes Ohr für jedes Anliegen oder gebe Hilfestellung zum Beten – egal ob Dank, Bitte, Klage oder Lob.
In der Hoffnung, dass erfahren werden kann, was wir an Ostern feiern, nämlich dass das Leben stärker ist als der Tod.
Eine gesegnete Passions- und Osterzeit wünscht

Ihr/Euer Hartmut Sölter, Pastor
02/2018