Leise Töne gegen den Lärm

veröffentlicht am 10. Dezember 2009

Gespanntes Schweigen. Plötzlich zarte Klarinettentöne. Der Meister kommt. Giora Feidmann, jüdischer Klarinettist von Weltrang, betritt für ein Konzert die Kirche. Ein Musiker, der auf seinem Instrument lachen und weinen, flüstern und schreien kann. Heute flüstert er. Und deshalb hört das Publikum nicht nur ihn. Ein paar hundert Meter entfernt findet ein lautes Open Air-Konzert statt.

Giora Feidmann zögert, bricht ab und verlässt die Kirche. Was jetzt? Ist das Konzert zu Ende, noch bevor es richtig begonnen hat? Doch dann kommt er zurück. Beginnt erneut zu spielen. Und allmählich drängen seine leisen Töne die laute Musik der Umgebung in den Hintergrund.

Am Ende dieses Eröffnungsstückes brandet kräftiger Applaus. Giora Feidmann tritt ans Mikrophon. Entschuldigt sich wegen des doppelten Anfangs. „Ich hatte keine Konkurrenz erwartet!“ sagt er augenzwinkernd. „Doch die Stille des Tempels ist stärker als der Lärm um ihn herum.“

Die Stille des Tempels. Die Stille der Kirche. Die Stille der Nähe Gottes. An diesem Abend ist sie mit allen Sinnen zu spüren.

Gott braucht nicht die lauten Töne. Die Hirten erleben das auf den Feldern von Bethlehem. Gott kommt nicht als lärmender Imperator. Er kommt als Säugling.

Und so kommt er bis heute. Das ist risikoreich. Man kann ihn nämlich leicht überhören und übersehen. Doch wer ihn findet, wer ihn hört und sieht, entdeckt die helle, heile Welt des Himmels. Frieden und Liebe werden möglich und haben in Jesus immer wieder einen Anfang. Das Alte Testament hat dafür ein wunderschönes Wort: „Schalom“ – das heißt Frieden und kann auch mit Wohlbefinden wiedergegeben werden.

Diesen „Schalom“ kann man finden. An jedem Sonntag in einem Gottesdienst, in jeder persönlichen stillen Minute, in einem Konzert. Und hoffentlich auch wieder in der Advents- und Weihnachtszeit – „Stille Nacht, heilige Nacht…“.

Für diesen Frieden wollen wir in der Gemeinde und aus der Gemeinde heraus Botschafter sein.

2010 ist das „Jahr der Stille“ ausgerufen und es soll in unserer Gemeinde Raum bekommen. Es werden nicht die großartigen Aktionen sein mit denen wir dem Aufruf zur Stille folgen. Wir können die Stille feiern in dem, was wir sowieso schon tun. Achten wir doch einmal darauf, dass in unseren Gruppen beim Planen, Singen, Spielen, Reden die Stille immer wieder einen Platz bekommt. Jede/r kann den leisen Tönen selbst Raum geben.

Eine ermutigende Erfahrung gibt Eva von Thiele-Winkler weiter:

„Stille ist eine Macht.

In der Stille redet Gott. Ohne Stille vor Gott werden wir ohne Offenbarungen bleiben. Wenn ich an den großen Gewinn denke, der jedes Mal mein Teil war – dann ist es mir unbegreiflich, dass ich nicht noch öfter in die Stille ging.“

In diesem Sinne wünsche ich eine besinnliche und gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

Ihr/Euer Hartmut Sölter, Pastor


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