Lieber Herr Professor Einstein!

Neulich habe ich einen merkwürdigen Gedanken von Ihnen gelesen: „Obwohl ich so etwas wie ein jüdischer Heiliger bin, habe ich seit so langer Zeit keine Synagoge mehr besucht, dass ich fürchten muss, Gott würde mich nicht mehr erkennen. Wenn er es täte, wäre es wohl schlimmer.“
Ich sehe Sie schmunzeln, während Sie das sagen. Und ich schmunzele auch. Und vielleicht schmunzelt sogar Gott. Denn natürlich würde er Sie erkennen. Nicht nur wegen ihres wirren Haupthaares und der vielen Einstein-Fotos, die über die Welt verbreitet sind. Schließlich wohnt Gott ja nicht nur in Synagogen und Kirchen, um dort sehnsüchtig auf den Besuch seiner Kinder zu warten. Er wohnt überall. Gott ist mitten im Leben, was schon Ihr großer König Salomo erkannt hat: „Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen; wie sollte es dann dieses Haus tun, das ich dir gebaut habe!“
Sie erinnern sich? Salomo betet das bei der Einweihung des ersten Jerusalemer Tempels. Doch, doch, ich bin ganz sicher: Gott würde Sie erkennen. Denn er kennt Sie. Er hat in Ihrem Labor neben Ihnen gesessen – vielleicht hat er Ihnen die Formel der Relativitätstheorie sogar höchstpersönlich ins Ohr geflüstert.
Gott kennt Sie. Ob das schlimm ist?
Gott ist ja nicht nur der Weltrichter. Er ist der Gott der Gnade, der Vater der Barmherzigkeit. Denn wäre er es nicht, gäbe es unsere Welt nicht mehr, dann hörten unsere Herzen schlagartig auf zu schlagen.
Doch, Gott kennt uns, Sie und auch mich. Er schaut uns liebevoll in die Augen. So wie sein Messias Jesus Menschen in die Augen geschaut hat. Gottes absolute Liebe und Vergebung. Man muss nur zurückschauen und diese Liebe in Herz und Hirn strahlen lassen. Dann schmelzen alle Versäumnisse wie Schnee in der Frühlingssonne.
Das wollte ich Ihnen nur einfach einmal schreiben. Ich weiß natürlich nicht, ob Sie diesen Brief jemals lesen. Aber das ist auch gar nicht so wichtig. Denn ich weiß, dass Sie inzwischen selbst längst mehr wissen als damals, als sie diesen Gedanken aufgeschrieben haben. Viel mehr.

Mit freundlichen Grüßen Hartmut Sölter, Pastor


Menü

Aktuelles

Links